Beispiel einer fragwürdigen Deklaration eines Olivenöls aus Italien

(von Robert Bock)

 

In einem Supermarkt fiel mir ein Olivenöl aus der Toskana auf. Grund: Eigenwilliges Deklarationsgebahren. Meiner Meinung nach gibt es an diesem Beispiel einiges zu beanstanden - und für den interessierten Konsumenten zu lernen:

 

1. Wenn der Säuregehalt eines Olivenöls deklariert wird, müssen qua Gesetz zwingend auch Peroxidwert, Extinktionszahl, Wachse und UV-Absorption angegeben werden (Art.5d, EU-Olivenölverordnung)

 

2. Die Verwendung des EU-Bio-Siegels in Verbindung mit dem seitlich rechts versetzten und nicht linksbündig formatiertem Text relativ zum grünen Siegel entspricht im Detail nicht den Deklarationsvorschriften. Präszise sollte es meiner Meinung nach im Sinne der Verbraucherklarheit besser "Italien Landwirtschaft" heißen - es sei denn, dass auch Olivenöl aus anderen Ländern der EU mit italienischem Öl verschnitten wurde. Ist dem tatsächlich der Fall (worauf aber der Rest des Etiketts keinerlei Hinweis gibt), ist die Deklaration mit "EU-Landwirtschaft" (und in diesem hypothetischen Fall ausschließlich so) korrekt.

 

Wissenswert: Eine geschützte geographische Angabe (hier: Toskana I.G.P.) verlangt lediglich, dass eine der Herstellungsstufen Erzeugung, Verarbeitung oder Herstellung (Anbau der Oliven, Extraktion des Öls, Abfüllung) in der Toskana stattgefunden hat. Eine IGP ist gegenüber einer geschützten Ursprungsbezeichung  DOP die deutlich schwächere Aussage: eine DOP erfordert nämlich, dass nicht nur einer, sondern alle drei genannten Schritte im deklarierten Gebiet stattfanden.

 

Die IGP Toscana (IT-PG/0017/1512 vom 21.03.1998) existiert seit 1998. Sie verlangt nicht explizit, dass die Oliven für ein Olivenöl "Toskana IGP" aus der Toskana stammen müssen. Wie für alle geschützten geographischen Angaben gilt, dass lediglich einer der Schritte Erzeugung, Verarbeitung und Herstellung in der Toskana stattgefunden haben. Es genügte also, wenn ein Öl am Ende resultiert, das bestimmte chemische Parameter und organoleptische Eigenschaften aufweist, die in der fraglichen Verordnung abschließend detailliert aufgelistet sind, aber von anderswoher in die Toskana geschafft und dort abgefüllt worden wäre, um es als "Toskana IGP" vermarkten zu dürfen. Davon mag man als Verbraucher halten, was man will, aber so bestimmt es das europäische Lebensmittelrecht. Da die Verordnung obendrein festlegt, dass die jährliche maximale Höchstolivenölproduktion pro Hektar durch die Region Toskana limitiert wird, führt dies womöglich zu gezielten Importen, um den Profit mit dem guten Namen der geschützten geographischen Angabe zu maximieren.

 

Angesichts des erkennbaren Bemühens des Hersteller sein Olivenöl mittels seines Etiketts in positivstem Licht erstrahlen zu lassen, wundert mich in diesem Zusammenhang der Verzicht des Herstellers, sein Olivenöl im Zusammenhang mit dem Bio-Siegel "Italien Landwirtschaft" zu deklarieren. Eine italienische Bio-Zertifzierungsstelle arbeitet - wie alle italienischen staatlichen und halbstaalichen Institutionen auch - seriös, unbestechlich und nur dem Gesetz verpflichtet und wird die konkreten Umstände mit Sicherheit korrekt gewürdigt haben. Völlig abwegig ist es gerade durch diese sonderbare Tiefstapelei allerdings nicht, dass Bio-Olivenöl aus einem anderen EU-Land (Spanien, Griechenland, Portugal beispielsweise) in die Toskana importiert wurde und mit dem Öl der "handgepflückten Oliven (Olivastra) aus eigenem Anbau" verschnitten wurde. War dem der Fall, durfte dieses Olivenöl nicht anders deklariert werden wie auf dem Etikett neben dem Bio-Siegel zu lesen.


3. Die Nährwerttabelle ist lückenhaft gegenüber der gesetzlichen Vorgabe (es fehlt zb. die Angabe von Salz, Eiweiß und Kohlehydraten, "Kalorien" soll wohl Kilokalorien meinen, aber egal - die obligatorische Angabe des Brennwertes in der gesetzlichen Einheit Kilo-Joule hat man sich ganz erspart ...) Die Nährwertkennzeichung (Verordnung (EU) Nr. 1169/2011) sieht eine Angabe des physiologischen Brennwertes des Makronährstoffes Fett mit 9 kcal/g vor. das vorliegende Etikett gibt 884 statt 900 kcal/100g aus. Woher die Differenz?

4a und 4b: Ernte Winter 2016/17 - MHD 31.12.2019 (!). Seriöse Praxis sieht so aus, dass maximal ein MHD von 18 Monaten nach Abfüllung draufsteht, damit sichergestellt ist, dass die Einhaltung aller Kriterien für ein extra natives Olivenöl, die sich im Zuge seiner Alterung verschlechtern können, tatsächlich auch gewährleistbar sind. Voraussetzung: Entfernung der Trubstoffe durch Filtrierung oder Sedimentierung und temperaturgesteuerte, möglichst kühle Lagerung des Öls bis zur Abfüllung. Wie modern die Lagerungseinrichtungen dieses Herstellers ist und wie dessen Abfüllpraxis aussieht, entzieht sich meiner Kenntnis.


Wurde die Praxis seriöser Produzenten vom Abfüller eingehalten, wurde das spätestens im am 30. Januar 2017 - dieses Datum schreibt die Verordnung zur Toskana IGP vor - extrahierte Öl also am 30. Juni 2018 abgefüllt, als die Ernte 2017/18 bereits längst eingebracht war. Dieses damals schon "alte" Öl war also bereits rund eineinhalb Jahre alt, bevor es in die Flasche kam (!) Ein bereits 18 Monate altes Öl - also aus der Vorjahresernte (!) in Flaschen zu füllen und nochmal 18 Monate draufzupacken - davon darf der Konsument selbst halten, was er möchte ... Kaufen muss man es schließlich nicht. Aber verstehen, welche Geschichten ein Etikett zu erzählen vermag, das sollte man meiner unmaßgeblichen Meinung nach unbedingt.


Theoretisch hat dieses Öl nach Versprechen des Herstellers also annähernd 3 Jahre volle extra native Eigenschaften, denn das Gesetz schreibt vor, dass ein extra natives Öl seine extra nativen Eigenschaften bis zum MHD haben muss, insbesondere wenn man einen Säurewert angibt wie in diesem Fall geschehen. Ob das in diesem Fall wahrscheinlich ist ...? Was steckt dahinter? Shelf-Live-Extension? Also die Absicht, dem Händler, der das Öl dieses Herstellers führt, ein frühes Aussortieren wegen Erreichen des MHD zu ersparen ...?

 

5. Eine Extraktionstemperatur von unter (!) 18 Grad soll wohl besondere Qualität suggerieren, darf man aber, sofern nicht notariell belegt, meines Erachtens im literarischen Genre der amüsanten Geschichten des Lügenbarons Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen verorten. Vielleicht betrug die Lufttemperatur im toskanischen Winter am Tag der Extraktion 18 Grad - aber auf die kommt es hier nicht an, sondern auf die Temperatur des Olivenbreis während (altmodischer) Pressung oder Extraktion mittels Zentrifuge (Druck und Reibung erzeugen Wärme!)

Diese liegt in modernen, temperaturgeführten Anlagen im Regelfall im Bereich von 22-25 Grad Celsius. Für eine Einstufung als kalt gepresst/extrahiert darf die Temperatur des Öls beim Extrahieren qua Gesetz 27 Grad nicht überschreiten. Je höher die Temperatur des Olivenbreis, desto höher die Ölausbeute. Bei Temperaturen unter 23 Grad wird die Ausbeute so niedrig, dass Ernte und Ölgewinnung im Regelfall unrentabel werden, bei Temperaturen unter 20 Grad fällt die Ölausbeute gar mit exponentieller Rate und ein Olivenölhersteller muss sich die Frage gefallen lassen, weshalb er sich wirtschaftlich zu ruinieren beabsichtigt oder alternativ, ob er einfach nur dumm ist.

 

Ferner: Es fehlt die obligatorische Angabe einer Chargennummer. Ohne diese ist die Erlangung eines Bio-Zertifikates in der Begutachtung durch deutsche Zertifizierungsstellen jedenfalls nicht möglich, da keine lückenlose Dokumentation jeder produzierten und verkauften Flasche möglich ist. Wie das in Italien gehandhabt wird ... *haja theoretisch genauso, praktisch offenbar nicht. Zweck der Regelung: Wenn nicht nachgewiesen kann, wieviel Bio-Öl welcher Charge je im Umlauf war, kann sich das im Handel teurere Bio-Öl sehr plötzlich wie durch Zauberhand "vermehren".

 

Summa summarum: Meiner Meinung nach handelt es sich hier um ein Musterbeispiel dafür, wie ein seriöser Olivenölproduzent sein Produkt unter keinen Umständen deklarieren sollte - aber tauglich ist es als abschreckendes wie lehrreiches Beispiel für interessierte kritische Konsumentinnen und Konsumenten.

 

Robert Bock, Dipl-Kfm. (Univ.)

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